Der Park erwacht

 
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Ein Wunsch vieler Safarifreaks ist es, den Sonnenaufgang im Park zu erleben und zuzuschauen, wie die Tiere erwachen. Doch leider ist dieses nicht immer möglich. Speziell dann, wenn man mit einem „Massentourismusunternehmen“ reist, ist dies ein sehr schweres Unterfangen. So muss man einen sehr guten und stark motivierten Fahrer erwischen, der einem diesen Traum erfüllt. Denn nicht jeder ist bereit, so früh aufzustehen, nur um Touristen zu befriedigen. Uns wurde dieses Glück zu Teil, dank unserem Spitzenfahrer Alex.

5.00 Uhr in der Amboseli Serena Lodge: Alles schläft noch, nicht einmal von den sonst so aktiven Meerkatzen ist ein Ton zu hören, jene die die halbe Nacht auf unserem Dach herumtanzten. Das Schrillen des Weckers reisst uns aus dem Tiefschlaf. Ich ignoriere dieses Geräusch, bis es das zweite Mal ertönt. Dann wird mir bewusst, dass wir ja heute auf eine Vorfrühstückspirschfahrt gehen. Mit einem gähnenden „Guten Morgen“ wecke ich meine Bettnachbarin. Sie sieht auch noch nicht sehr viel besser aus den verschlafenen Augen. Je mehr ich an den Grund des Frühaufstehens denke, desto schneller werde ich wach und ich kann es kaum mehr erwarten, bis es endlich losgeht. Ich packe schnell meine Sachen zusammen, greife nach dem Fotoapparat und bis meine Kollegin endlich begreift, was eigentlich los ist, bin ich schon mit einem „Bin gleich zurück“ aus der Tür verschwunden. Jetzt bin ich schon hellwach, topfit und gespannt, wie ein kleines Kind, das zum ersten Mal in die Ferien fliegt.

Der Kilimanjaro in der Morgendämmerung - Das Dach Afrikas

Ich geniesse die Stille der Morgendämmerung und den wolkenlosen Anblick des Kilimanjaros. Ich verspüre einen lauen Windhauch, wie der Atem der Nacht und rieche den frischen Duft der Wildnis. Einmal mehr überkommt mich der Zauber Kenyas.

6.00 Uhr: Wir gehen zum Bus, deponieren unser Gepäck an dem dafür vorgesehenen Platz und trinken noch einen starken Tee oder Kaffee im Speisesaal. Dann ist der grosse Augenblick gekommen. Ausser mir sehen alle noch aus, als wären sie noch im Halbschlaf und diesem Zustand torkeln wir zurück zum Bus. Der Gemütszustand wird sich allerdings bald ändern, sobald wir die ersten Tiere zu Gesicht bekommen und für das Frühaufstehen belohnt werden.

Es geht nicht lange, bis wir den ersten Elefanten antreffen. Das jetzt noch träger wirkende Grautier nimmt von uns kaum Notiz und frisst gemütlich weiter. Es macht den Anschein, als sei er auch erst gerade aufgestanden und wundert sich wahrscheinlich mächtig über einen so frühen Besuch der Lebewesen in den „fahrenden Blechbüchsen“.

Der Horizont beginnt sich zunächst gelblich und dann rötlich zu färben und wir erzählen einander von unseren Vorstellungen des Sonnenaufgangs. Wird wohl eine schöne Silhouette einer Schirmakazie oder gar eine Giraffe im Vordergrund zu sehen sein? Oder haben wir „Pech“ und sehen „nur“ den puren Kegel der Sonne? Mir ist es eigentlich vollkommen egal. Ich möchte einfach nur diesen wahrscheinlich schönsten Augenblick der Pirschfahrt in vollen Zügen geniessen. So was sieht man schliesslich nicht alle Tage. Bis es aber dann wirklich soweit ist, legen wir noch einige Meter zurück und sehen dutzende von Zebras und Weissbartgnus überall herumliegen.

Gnuherde in der Morgendämmerung des Amboseli Nationalparks

Ihr Tag beginnt wohl auch erst mit dem Aufgang der Sonne. Vom Geräusch unseres Wagens sind einige der Tiere erwacht und schauen uns mit verschlafenen Augen an. Ich bin froh, dass ich in diesem Moment die Gedanken dieser wunderbaren Gestalten nicht kenne. Ein Teil der riesigen Herden schlafen auf der Strasse. Wir müssen uns mit Weiterfahren gedulden, bis auch die Langschläfer unter ihnen erwacht und zur Seite gegangen sind. Denn hier in der Wildnis haben sie den Vortritt. Es ist ein toller, atemberaubender Anblick diese Ansammlung von Tieren zu beobachten, wie immer mehr von ihnen erwachen und sich nach einigem Recken und Strecken auf die Seite begeben. In diesem Augenblick vergisst man total den Stress von zu Hause und geniesst einfach nur die Musse. Man passt sich komplett dem Rhythmus der Natur an und deshalb verläuft alles ruhig und gesittet. Die Tiere nehmen sich viel Zeit, um von der Strasse zu gehen. Ganz im Gegenteil zum Nachmittag, wo sie eher im gestreckten Galopp, ja sogar zum Teil panikartig die Strasse überquerten. Sie scheinen sich nichts aus uns zu machen, was ich wiederum am Nachmittag nicht das Gefühl hatte. Jetzt am frühen Morgen fühle ich mich mehr in der wilden Umgebung integriert und komme mir auch nicht wie ein Störenfried vor. Der Eindruck ist jetzt viel schöner, interessanter und total anders als jene Pirschfahrten während des Tages. Rein das düstere Licht, die morgendämmerliche Stimmung verleiht dem Ganzen einen Hauch von romantischem Traum. Ich muss mich kneifen, um sicher zu gehen, dass ich wirklich inmitten von aufstehenden Zebras und erwachenden Gnus bin. Es ist ein unbeschreibliches Gefühl, wirklich der Höhepunkt einer jeden Safari.

Als wir weiterfahren, entdecken wir eine Elefantenfamilie. Wäre jetzt der Kegel der Sonne sichtbar geworden, wäre das die Krönung des Ereignisses gewesen. Aber man kann ja schliesslich nicht alles haben. Allein die Tatsche, den Sonnenaufgang im Park erleben zu dürfen, war das Frühaufstehen wert. Ausschlafen kann man zu Hause wieder genug!

Wir entfernten uns noch mehr von der Lodge, in der Hoffnung, noch ein Nashorn zu entdecken, aber leider war es nicht so. Die Chance eines anzutreffen, war auch viel zu gering und es wäre schon ein riesiger Zufall gewesen, wenn wir eines hätten erleben können.

Aber man muss ja auch nicht gleich alles auf einmal sehen. Wenn nicht, dann hat man wenigstens einen sehr guten Grund, um wieder zu kommen. Bei mir war es auf jeden Fall nicht das letzte Mal, dass ich in Kenya auf Safari war, gibt es in diesem wundervollen Land doch noch viel mehr zu entdecken, zu erleben und das nicht nur auf Safari, wie sie vielleicht selbst einmal feststellen werden, oder vielleicht schon herausgefunden haben. Die Frage, ob irgendetwas das Erwachen des Parks schlagen kann, bleibt jedoch offen. Ich lasse mich gerne überraschen, was weitere Reisen für mich bereithalten.

(Amboseli Nationalpark - Oktober 1998 - tm)

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