Mein erster Kenyaurlaub

 
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Es gab nur etwas, was in mir im ersten Moment ein komisches Gefühl auslöste. Wir waren fast die einzigen Weissen. Ich fühlte mich ein wenig Unbehagen. Aber als wir überall so herzlich empfangen wurden, verfloss dieses Gefühl und man meinte schnell, man sei zu Hause. Wie schrecklich müssen sich Schwarze bei uns fühlen, denn wir nehmen sie nie so herzlich auf, wie sie uns. Jeder war bemüht unsere Sprache zu sprechen oder sich in Englisch mit uns zu unterhalten. Umso glücklicher waren sie, wenn man sich einwenig ihrer Sprache bediente. Die wichtigsten Ausdrücke und Sätze lernte man sehr schnell, wenn nur der Wille vorhanden war. Und damit war ein weiteres Hindernis überwunden.

Die Menschen dort sind wirklich arm, wie wir es uns nicht vorstellen können, aber sie scheinen viel glücklicher zu sein, als wir hier, obwohl wir in totalem Luxus leben.

Dieser Urlaub hat mich zum Nachdenken angeregt, und ich glaube, dass ich dabei viel gelernt habe und mir ist Vieles klarer geworden ist. Vorurteile haben sich glücklicherweise nicht bestätigt. Mir ist Einiges über mich selbst bewusst geworden und habe mich von einer ganz anderen bisher unbekannten Seite entdeckt. Auch habe ich herausgefunden, dass wir so genannt Reichen sehr viel von den von uns bezeichneten Armen lernen könnten, wenn doch nur das Verständnis und die Bereitschaft dazu vorhanden wären. Unseren Reichtum messen wir mit Geld und vergessen dabei das eigentlich Wichtigste – die Einstellung des Herzens! Während wir so verschlossen und unnahbar erscheinen, wissen sie das Leben zu geniessen und wie grosse Schicksalsschläge zu ertragen. Mit einfachen Mitteln gestalten sie ihr Leben abwechslungsreich. Für uns würde eine Welt zusammenbrechen, müssten wir ohne Velo, Auto, einem Handy oder Computer auskommen. Stattdessen basteln sich Kinder in Kenya ihre Spielzeuge selbst, nehmen alte Zeitungen oder Plastiksäcke, formen diese zu einer Kugel, wickeln Schnur drum und fertig ist der Fussball. Mehr braucht es doch gar nicht. Sie wissen sich mit einfachen Mitteln zu helfen. Und wo ist die Kreativität unserer Kinder geblieben?

Manchmal kamen mir Zweifel, ob es denn richtig ist, in solch einem Land die Ferien zu verbringen. Aber wenn man bedenkt, dass der Tourismus ein wichtiges Standbein für Kenya ist, finde ich es wenigstens zum Teil gerechtfertigt. Damit allerdings das Geld aus dem Tourismus dem Land zu Gute kommt, müsste man es erst vor Ort ausgeben, also Safaris erst in Kenya vielleicht bei lokalen Unternehmen buchen. Bucht man das Pauschalarrangement mit allem drum und dran in der Heimat, so sieht das Ferienland nichts oder nur sehr wenig davon. Und wem ist dann gedient? Auch sollte man nicht den Luxus vorleben, sondern sich der Einfachheit der Leute im Gastgeberland anpassen. Ich bemühte mich, zur Verständigung der beiden Länder beizutragen. Nichts tat ich lieber, als mich mit Schwarzen über unsere beiden Heimatländer zu unterhalten und zu vergleichen. Ich wollte verstehen, mehr wissen, als nur das, was schon ohnehin in jeden Reiseführer beschrieben ist. Und es war sehr interessant und aufschlussreich. Und so habe ich viel vom Land, den Leuten und über die Kultur mitbekommen. Vielleicht war diese Neugier bereits der Grundstein für mein jetziges Leben. Denn wer hätte zu diesem Zeitpunkt geglaubt, dass ich jemals so eng mit Kenya verbunden sein werde? Ich bestimmt nicht!

Als ich wieder in die Schweiz zurückkam, fühlte ich mich nicht mehr wohl. Alles musste wieder schnell gehen, die Leute stressten an einem vorüber und kein Lächeln war zu entdecken. Die ganze Herzlichkeit von Kenya war verschwunden und ich wurde jäh wieder ins so genannte zivilisierte Leben zurückgerissen. Hier fühlte ich mich so allein, verlassen, und alle freundlichen Menschen mit ihren fröhlichen Gesichtern waren verschwunden.

Diese Ferien haben mich gelehrt, nicht mehr so blind durchs Leben zu gehen, wie ich es zuvor gegangen bin, auch nicht mehr alles als so selbstverständlich hinzunehmen. Ich bin offener, toleranter geworden, und dankbar für vieles, was ich erleben durfte.

Ich freue mich jedes Mal wieder darauf, dem grauen Alltag zu entfliehen, um für kurze oder längere Zeit in Kenya Energie tanken zu können.

(März 1994 - tm)

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