Im Juli 1990 verbrachte ich mit
meiner damaligen Freundin einen vierwöchigen 2Urlaub im "Leasure Lodge Hotel" am
Diani Beach. Ich erinnere mich noch sehr gut an das unbeschreibliche Gefühl in
einem gigantischen Gewächshaus zu stehen, als ich in Mombasa aus dem
klimatisierten Flugzeug stieg. In nur fünf Minuten waren meine Klamotten total
durchgeschwitzt. Erst nach rund einer Woche hatte ich mich dem Klima
einigermaßen angepasst. Ich muss offen zugeben, dass ich zunächst von der Armut
der Menschen geschockt war. Überall bettelten mich Kinder und Erwachsene um
Schillinge an. Auf der Fähre in Mombasa zog ich deshalb angenervt und
demonstrativ das Hosenfutter heraus, was die einheimischen Leute irgendwie sehr
lustig fanden. Es hat aber gewirkt, denn niemand bettelte mich mehr an.
Dann kam für mich der unglaubliche Kontrast in Gestalt des Hotels, denn dort
herrschte ein Reichtum und Überfluss bis zum Abwinken. Nach zwei Tagen im Hotel
und nach diversen Folkloreprogrammen in dessen Lounge, hatten wir die Nase von
diesen "künstlichen" Kulturveranstaltungen schnell voll. Ich werde auch niemals
den Vortrag eines einheimischen und staatlichen Touristenführes vergessen, der
uns in bestem Deutsch weismachen wollte, dass die Menschen in Kenia in einem
Paradies leben würden. Hätten sie Hunger, so bräuchten sie sich nur eine
Kokosnuss oder ein paar Beeren zu pflücken. Zivilisationskrankheiten wie in
Europa gäbe es auch nicht. Es gäbe hier alles im Überfluss. Als ich mir diesen
Blödsinn eine Weile angehört hatte, da meldete ich mich dezent zu Wort und
fragte den Mann, warum ich so viele bettelnde Kinder mit blinden Vätern,
Polio-Krüppel und anderes Elend gesehen habe, wenn dies doch das Paradies sei.
Es herrschte für einige Sekunden Totenstille im Saal und alle Blicke richteten
sich auf mich. Ich hätte wohl eine sehr einseitige Sicht der Dinge, sagte der
Touristenführer und ging dann sofort zum nächsten Tagesordnungspunkt über. Wir
machten an diesem Tag noch eine kleine Safari in die Shimba Hills und in ein
kleines Dorf in der Umgebung. Offenbar war der Empfang der Touris durch den
Dorfältesten und mit einer anschliessenden obligatorischen Folkloredarbietung
sowie der Besuch beim Medizinmann bereits bestens einstudiert. Am Abend
bestätigte sich unser Gefühl, denn andere Hotelgäste hatten diese Safari schon
einige Tage zuvor absolviert und es lief tatsächlich alles nach dem gleichen
Strickmuster ab. Leider waren wir nahezu die einzigen Touristen, die sich nicht
irgendwelchen romantischen Schwärmereien hingaben, sondern dieses Theater
durchschaut hatten. Nein, das konnte niemals das echte Kenia sein! Also
freundeten wir uns mit einigen jungen Leuten aus Ukunda an und besuchten sie
auch in ihren Familien, was unserer Reiseleitung nicht wirklich angenehm war.
Eine Woche zuvor wurde in Ukunda ein Holländer von einem eifersüchtigen Kenianer
mit Pfeil und Bogen erschossen, weil dieser Sex mit dessen Ehefrau hatte.
Vielleicht befürchtete man eine Wiederholung für uns. Die Reiseleitung bat uns
ihr immer mitzuteilen, wohin und mit wem wir unterwegs waren. Durch die
Freundschaft mit den Jungs aus Ukunda konnten wir völlig andere Eindrücke
sammeln als die Touristen, die lediglich Campari-saufend am Pool herumlagen oder
sich gestellte Folklore reinzogen. In Eigenregie besuchten wir eine Schule in
der Nähe von Ukunda. Die Tür öffnete sich sehr schnell für uns als der Lehrer
hörte, dass meine Freundin von Beruf Lehrerin ist. Wir durften sogar an einer
Unterrichtsstunde teilnehmen. Ich empfand es als große Ehre. Nach unserem Urlaub
organisierten wir jede Menge Unterrichtsmaterialien für diese Schule, die von
den Kindern begeistert angenommen wurden.
Mein Geburtstag am 24.07.1990 wird mir immer im Gedächtnis haften bleiben. An
diesem Abend marschierten wir mit unseren Freunden durch den Busch in Richtung
Ukunda und besuchten eine Diskothek namens "Farmers Point". Es war schon ein
etwas komisches Gefühl für uns als einzige Weisse dort zu sitzen. Überall
betrachteten uns neugierige Augen aus dem Dunkel, aber die dazugehörigen
Gesichter sah man nicht. Als unangenehm empfand ich jedoch nur die Versuche
einiger junger Frauen ihren Körper an mich zu verkaufen. Dies war ein Phänomen,
das mir während meines dortigen Urlaubs immer wieder begegnen sollte. Wir wurden
von unseren Freunden auch zum Essen eingeladen. Um nicht unhöflich zu sein
nahmen wir die Einladung an. Leider fing ich mir dabei eine Magenverstimmung
ein, die mich eine Woche ziemlich auf Trab hielt. Wir revanchierten uns für die
Gastfreundschaft der Leute und klauten Tütenweise die leckersten Sachen vom
üppigen Hotelbuffet, die wir dann gemeinsam mit unseren Freunden am Strand
verspeisten. Das waren richtige kleine Feste. Wir machten auch noch eine Safari
ins "Governeurs Camp" am Fluss Mara. Dort hatten wir ein Aha-Erlebnis mit einer
liebenswerten Massaifrau. Während die meisten Touris angewidert das Dorf
verliessen, als sie erfuhren dass es aus Kuhmist gebaut ist, schauten meine
Freundin und ich uns in aller Ruhe um. Plötzlich lud uns eine Frau in ihre Hütte
ein. Sie kochte gerade etwas und bot uns eine Mahlzeit an. Sicherheitshalber
lehnte ich ab und verwies auf meine Magenverstimmung. Es kam zu einem Gespräch
über Gott und die Welt, ihren Mann, die Kinder und die damit verbundenen Sorgen.
Diese Frau werde ich niemals vergessen.
Nach den vier Wochen fiel es uns nicht gerade leicht uns von den lieb gewonnenen
Menschen und ihrem schönen Land wieder verabschieden zu müssen. Trotzdem hatte
ich ein schlechtes Gewissen, denn mir wurde klar, dass der Tourismus die
einheimische Kultur und auch die dortige Natur langfristig zerstören wird. Die
Menschen in Kenia sind selten die Profiteure des Tourismus. Leider konnte ich
auch viele europäische Männer und Frauen beobachten, die dieses Land nur wegen
sexueller Abenteuer bereist haben und sich während des Rückflugs ungeniert
darüber austauschten.
(Achim)
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